verfaßt von baeuchlein, 26.05.2026, 19:03:00
(editiert von baeuchlein, 26.05.2026, 19:16:24)
Bei uns läuft das mit der Glasfasel eigenartig.
Zunächst mal meldete sich hier (ein eher ländlich geprägter Raum im westlichen Nordrhein-Vandalien) etwa im Mai 2023 ein lokaler Anbieter schriftlich. "Hallo, wir (Firma XYZ) machen zusammen mit Ihrer Kommune jetzt Glasfaserausbau. Angebot: blah blah..."
Da bei uns im Hause schon so mancher Gast geknatscht hatte, wie lahm unser Internet wäre (ich aber immer ausreichende Geschwindigkeit hatte), und ich mich eh fragte, wozu wir Glasfaser denn so unbedingt brauchen sollten, hab' ich dann mal in einigen Nächten geschaut, wo bei uns im Netzwerk eigentlich wieviel über die 100-mbit-Leitungen (o.k., eigentlich "für 100 mbit verlegte Kabel und Router/Switches, die meistens auch nur 100 mbit können" - läuft aber erst mal auf's Gleiche hinaus) geht.
Die meisten "Internet lahm!"-Knatscher waren jeweils im Wohnzimmer (EG) gewesen und zumeist mit ihrem Handy, Tablet oder Notbuch (Notebook
) unterwegs. Einen eigenen Fetzwerkanschluss gab's im EG nicht, also musste man entweder per WLAN einen Stock (also ins 1. OG) höher gehen, um das LAN zu erreichen und dann mit 100 mbit/s weiter zum Internet-Router im obersten Stockwerk zu kommen. Oder aber man ging per WLAN an einen als WLAN-Zugang genutzten Router im EG, und von dort aus ging's per Powerline weiter nach oben zum Internet-Router. Beide Möglichkeiten erwiesen sich als grottenschlecht; das WLAN durch die Decke kam kaum gegen die sogenannte Bewehrung in der Decke an, und die Powerline war zwar ursprünglich mal prima, inzwischen aber heftigst gestört. Den Grund fand ich nicht heraus, er lag vermutlich außerhalb des Hauses.
Es war also nicht das Internet lahm, sondern die Anbindung in jenem Zimmer. Hat außer mir nur mal wieder keiner bedacht. Nun, dieses Manko hab' ich dann bei einer Reparatur zweier gefreckter TV-Anschlüsse durch die gleichzeitige Verlegung eines Netzwerkkabels vom EG aus nach oben ausgeFriedricht.
Und plötzlich konnte ich da unten ohne Probleme zumindest TV in HD-Ready-Qualitöt haben auf'm Notbuch - und das mit einer 16-mbit-DSL-Anbindung. Die übrigens theoretisch auch drei Full-HD-Streams zugleich aushält, in der Praxis habe ich auch 4-5 solcher Streams über die Leitung geprügelt. Beim fünften bin ich nicht sicher - der streamende Fernseher stürzte während der Wiedergabe ab. Danke schön, Sonni! (Sony) Deren Software ("Apps") ist mir schon mehrfach dumm aufgefallen, und diverse Updates in sechs Jahren haben NIX geändert. 
Auch das mit den Full-HD-Streams liess sich nicht immer wiederholen. Oft genug lief nicht mal einer vernünftig (5 Sek. Bild & Ton, dann 20-30 Sek. Standbild und Ton, dann wieder von vorn), und das auch nicht, wenn ich die aus der ARD-Mediathek heruntergeladen hab' und direkt von der Festplatte abgespielt hab' (die mindestens auf ein Äquivalent von 300 mbit/s A.K.A. UDMA-33 gekommen sein müsste). HD-Ready ging dagegen auch über eine extra erzwungene 10-mbit-Verbindung prima - ich vermute hier ein Codec-Problem an den Rechnern, mit denen ich die Dinge abspielte.
Ergebnis also erst mal: Nötig haben wir Glasfasel schon mal nicht. Ich war seinerzeit quasi der Einzige im Haus, der überhaupt derartige Datenströme über's Kabel prügelte - mal abgesehen vielleicht von den "lahmes-Internet-Knatschern".
Aber gut, manche sagten, Glasfasel wär' die Zukunft und so. Gut, in den 80ern und 90ern ging's noch per Modem, und es kam auch schon das doppelt so "schnelle" ISDN (oder 4x bei Kanalbündelung) angetrabt. Das war Ende der 90er "die Zukunft". 2002 war das dann alles Schrott, und 6 mbit/s per DSL war "die Zukunft". Jedenfalls bis 2013, dann kam die Telefonumstellung auf VoIP, und die resultierenden 16 mbit/s waren so ein Bißchen "die Zukunft", wenn man nicht noch mehr wollte und dafür auch mehr auszugeben bereit war. Alles mit DSL.
2023 dann war selbst 50 oder 100 mbit/s DSL nicht mehr "die Zukunft", sondern Glasfasel. Hat angeblich der kürzlich verstorbene Christian Schwarz-Schilling auch früher schon einführen wollen, aber nicht durchgekriegt. (War das eigentlich von dem OPAL-Glasfaser-Reinfall 1990-1997 oder danach?)
Warum soll ich glauben, dass nicht 10 Jahre später das nächste Karnickel aus dem Hut gezogen wird, weil das dann "die Zukunft" ist?
Das (ursprüngliche) Angebot des ausbauenden Unternehmens habe ich mir mal durchgerechnet. Werbung: "Normalerweise kost' so'n Glasfaselanschluss 1536 Euro, aber von uns kriegen Sie den umsonst..." Die Rechnung sah etwas anders aus. Der Mindesttarif, den man über die Glasfaser für 2 Jahre hätte nehmen müssen, hätte dem Unternehmen etwa 1000 Euronen in die Kasse gespült, uns aber nur 500 gekostet - wir hätten dem bisherigen DSL-Anbieter ja kündigen können. Gut, für die 1000 Euro hätte der Ausbauer ja auch was geboten, nämlich 250 mbit/s... allerdings ist das LAN im Hause noch auf 100 mbit/s, und die meisten Datenströme wären über einen einzigen Anschluss am Internet-Router gegangen. Da wäre von den 250 mbit/s also erst mal weniger als die Hälfte auch wirklich nutzbar gewesen, wenn man nicht das LAN halb umgebaut und mit vielen neuen Switches/Routern ausgestattet hätte. Kosten auch nicht gerade nur 'n Euro fuffzich.
Doch der größte Problembär innerhalb des Hauses wäre das DSL-Kabel gewesen. Das kommt unten im Keller durch die Hauswand 'rein, dann aber geht es drei Stockwerke höher und quer durch's ganze Haus bis zum Router. Wir wussten zu diesem Zeitpunkt nur, dass 15-16 mbit/s problemlos durch dieses Kabel gingen - mehr konnten wir ja eh nicht aus der DSL-Leitung nuckeln. Später zeigte sich dann übrigens, dass auch 50-60 mbit/s über dieses Kabel gingen - aber 100? Oder gar 250? Bei einer solchen Länge (mindestens 14 m) und einem Kabel, das 1984 mal für Analog-Telefonie und vielleicht noch mit ISDN "im Hinterkopf" verlegt wurde?
Ungefähr zu diesem Zeitpunkt stand meine Entscheidung gegen Glasfaser schon so gut wie fest. Zumal der Weg der Faser von der Straße ins Haus durch zahlreiche Fundamente im Vorgarten und die nicht knickbare Glasfaser (sonst kannste die Datenübertragung dadurch nämlich knicken!
) ein furchtbarer Hindernislauf gewesen wäre. Eines der Fundamente stammt übrigens von einer Mauer mit Bunker-Qualitäten - zwei Bauarbeitertrupps haben mal drei Tage lang über 'ne extra im Keller dafür eingebaute 380-V-Drehstrom-Steckdose mit'm Presslufthammer an der Mauer geknabbert und dabei nur ca. 1,5 m weggekriegt. Danach hatte niemand von uns und keiner der Bauarbeiter mehr Bock, noch irgendwas am Rest der Mauer zu tun. Würde mich nicht wundern, wenn die Fundamente dieser Mauer noch im Boden lauern würden, ca. 10-20 cm unter der Erdoberfläche.
Also: Antrag auf Glasfaser abgelehnt. Zumal mein an Alzheimer erkrankter Vater die Bauarbeiten in und ausserhalb des Hauses wohl kaum gut überstanden hätte. Er brauchte damals schon viel Ruhe, und inzwischen ist es nicht besser geworden.
Etwa ein Jahr später fing der Ausbau dann am gegenüberliegenden Eckchen des Dorfes an. Nach einigen Monaten war der Ausbau um etwa 2-3 km in Richtung Dorfinneres 'rangekommen - und dann passierte gar nichts Sichtbares mehr.
Drei Jahre (seit 2023) später... Am Donnerstag vor Ostern dackelte nochmal ein Vertreter der Anbieterfirma durch unsere Straße. Sie würden nun mit dem Glasfaserausbau in der Straße loslegen. Letzte Chance, doch noch "mitzumachen". Es war 14 bis 16 Uhr, und man hätte sich noch in dieser Woche entscheiden müssen. Dank Karfreitag und Co. hätte ich also noch bis 18 Uhr (also 2-4 Stunden lang) überlegen können. Nee, is' klar, wenn ich vorher drei Jahre nix gemacht hab', entscheid' ich mich jetzt mal schnell um... Bei der Beschreibung der Fundamentsituation im Vorgarten konnte ich am Minenspiel des Vertreters beobachten, wie er seine Felle davonschwimmen sah, und es nach der Fundament-alen Beschreibung auch aufgab. Zwischenzeitlich war mir auch noch aufgefallen, dass das von ihm auf einem Zettel beschriebene jetztige Angebot anders aussah als das von 2023. Da hätt' ich also eh erst mal neu rechnen müssen.
Doch wir hatten eh seit Anfang 2025 schon 50 mbit per DSL, weil es für eine Spezialanwendung (Homeoffice) tatsächlich sein musste. Sonst hätten wir's immer noch auf 16 mbit/s laufen lassen. Bei 'ner Flachratte (Flatrate
) auch nicht so das Problem. Zumal wir von den vielen Vorteilen von Glasfaser höchstens mit der höheren Downloadgeschwindigkeit nennenswert was hätten anfangen können - brauchte nur niemand...
Tatsächlich wurde in den kommenden 1-2 Wochen sowohl in einer langen Straße, die bis in unsere Nähe ging, sowie in unserer eigenen Straße viel gemacht, um offenbar Glasfaser-Anschlüsse unter den Gehsteig zu kriegen. Die Jungs waren also tatsächlich pünktlich, was das angeht.
Dennoch: Wir brauchen es immer noch nicht. Und die ganzen Erzählungen, das Haus würde an Wert gewinnen mit Faser, und an Wert verlieren ohne Faser (warum beide Veränderungen und nicht nur eine, frag' ich mich da...), wurden genauso wie die Kosten eines jetzt noch nachträglich nachrüstbaren Glasfaseranschlusses entweder ganz ohne Zahlen genannt - oder es wurde mal von "einigen Hundert Euro", ein andermal von "einigen 10.000 Euro" gesabbelt.
Und da es eh unwahrscheinlich ist, dass wir noch mehr als 5-10 Jahre hier wohnen, kann uns das Ganze auch ziemlich egal sein.
Wenn "der Staat" den Ausbau "will", sollte er es selbst machen (und damit auch Kontrolle über diese womöglich bald kritische Infrastruktur behalten) und das Ganze über Steuern abrechnen. Dieses ganze Gemurkse mit Privatfirmen plus Kommunen sowie dem Bürger, der das dann gefälligst auch wollen soll, das ist Käse. Da gab es schon in der Science-Fiction-Erzählung "Revolte auf Luna" ("The Moon is a Harsh Mistress") ein sehr schönes Zitat zu: "Es gibt keine schlimmere Tyrannei als jemanden zu zwingen für etwas zu zahlen, das er nicht will, nur weil ihr glaubt, das es gut für ihn wäre." Und dann noch zu erwarten, dass die Leute das freiwillig zahlen...
Nein, ich bin nicht gegen Glasfaser. Mir fehlt nur inzwischen der Glaube dran, dass das dann das Nonplusultra ist und dass es alle brauchen. Oder wollen.
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